Wenn das 20. Jahrhundert auf Öl und Stahl beruhte, so läuft das 21. Jahrhundert auf Rechenleistung und den mineralischen Rohstoffen, die sie speisen. Mit dieser Formel umschreibt das US-Außenministerium die Logik hinter der „Pax Silica“ – einer im Dezember 2025 gestarteten Initiative, die inzwischen zu einem der zentralen Instrumente amerikanischer Technologie- und Wirtschaftssicherheitspolitik geworden ist. Der Name verbindet das lateinische „Pax“ (Frieden, Stabilität, langfristiger Wohlstand) mit „Silica“, dem Ausgangsmaterial für Silizium, dem Grundstoff moderner Halbleiter. Gemeint ist eine Ordnung, in der verbündete und „vertrauenswürdige“ Partner die gesamte Wertschöpfungskette der Künstlichen Intelligenz absichern: von kritischen Mineralen und Energie über fortschrittliche Fertigung und Halbleiter bis zu Rechenzentren, Frontier-Modellen und Logistik.
Die Initiative wurde von Jacob Helberg, dem Under Secretary of State for Economic Affairs, vorangetrieben und mit der Unterzeichnung der nicht bindenden Pax-Silica-Erklärung am 12. Dezember 2025 in Washington formalisiert. Sie zielt darauf ab, „coercive dependencies“ – erzwungene Abhängigkeiten – zu reduzieren, nicht-marktbasierte Praktiken (Überkapazitäten, Dumping) einzudämmen und ein vertrauenswürdiges Technologie-Ökosystem aufzubauen. Explizit nennt die Erklärung China nicht, implizit ist die Reduzierung der Abhängigkeit von chinesischer Dominanz bei der Verarbeitung Seltener Erden (rund 90 Prozent weltweiter Kapazität) und in Teilen der Halbleiterkette jedoch der zentrale Treiber. Die Kooperation erstreckt sich über Software-Plattformen, Netzwerk-Infrastruktur, Compute, Advanced Manufacturing, Mineralverarbeitung und Energieversorgung. Bis Sommer 2026 sind rund zwei Dutzend Staaten und die Europäische Union beigetreten, darunter Japan, Südkorea, Singapur, Australien, Indien, Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate, das Vereinigte Königreich sowie mehrere europäische Länder und die EU selbst.
Europas Beitritt und die interne Debatte
Die Europäische Kommission unterzeichnete die Erklärung am 23. Juni 2026 im Namen der Union. Parallel traten oder hatten bereits Deutschland, die Niederlande, Griechenland, Finnland, Schweden und später Italien bei. Der Schritt kam nicht ohne Reibungen. Besonders Frankreich äußerte Vorbehalte und sprach von einem möglichen Versuch der „Kolonisierung“ europäischer Technologiepolitik. Skeptiker warnten vor einer Einschränkung der regulatorischen Autonomie, insbesondere bei Exportkontrollen und der Halbleiterpolitik. Die Kommission betonte dagegen, die Erklärung sei nicht rechtlich bindend und lasse die interne Entscheidungsfindung der EU unberührt. Der Beitritt füge sich in das kurz zuvor verabschiedete „Technological Sovereignty Package“ ein, zu dem auch der Chips Act 2.0 gehört, und diene der Stärkung europäischer Wettbewerbsfähigkeit durch internationale Kooperation.
Für Europa birgt die Pax Silica handfeste Chancen. Die Niederlande beheimaten mit ASML den unangefochtenen Weltmarktführer bei extrem-ultravioletter Lithografie – einer Schlüsseltechnologie für fortschrittliche Chips, ohne die selbst die USA nicht auskommen. Schweden und Finnland verfügen über starke Positionen in Telekommunikations- und Netzwerktechnik (Ericsson, Nokia). Europa besitzt zudem industrielle Tradition, Forschungskapazitäten und wachsende Ambitionen bei kritischen Rohstoffen und Energieinfrastruktur. Die Initiative kann Zugang zu Ko-Investitionen, Lieferketten-Mapping und gemeinsamen Projekten eröffnen und die Resilienz gegenüber Störungen aus China erhöhen. In einer Welt, in der geopolitische Spannungen und exportkontrollen den freien Warenverkehr zunehmend fragmentieren, ist die Zugehörigkeit zu einem „Trusted Network“ kein Luxus, sondern Voraussetzung für technologische Handlungsfähigkeit.
Risiken und strategische Spannungen
Gleichzeitig zeigt die Pax Silica die strukturelle Asymmetrie der transatlantischen Technologiebeziehung. Die USA dominieren Frontier-Modelle, Cloud-Infrastruktur und den größten Teil der privaten Kapitalströme. Europa bringt kritische Einzelkomponenten und regulatorische Expertise ein, verfügt aber weder über vergleichbare Rechenkapazitäten noch über eine geschlossen konkurrierfähige Chip-Produktion. Die Gefahr besteht, dass Europa in der Rolle des spezialisierten Zulieferers und Regulierers verharrt, während die eigentliche Wertschöpfung und Standardsetzung in amerikanischen Händen bleibt. Kritiker sprechen von „Souveränität im Abonnement“: Man erhält Zugang zu sicheren Lieferketten, zahlt aber mit eingeschränkter Gestaltungsmacht.
Hinzu kommt die Spannung mit dem eigenen europäischen Narrativ der „strategischen Autonomie“ und „digitalen Souveränität“. Während Brüssel parallel Maßnahmen vorantreibt, die Cloud- und KI-Dienste stärker europäisch verankern sollen, tritt die Union einer US-geführten Allianz bei, deren Architekt offen von „Innovation Sovereignty“ statt nationaler Digital-Autarkie spricht. Die EU riskiert, zwischen zwei Polen zu oszillieren: der Notwendigkeit enger Partnerschaft mit den USA und dem Wunsch, nicht in eine neue Form struktureller Abhängigkeit zu geraten. Zudem bleibt unklar, wie verbindlich gemeinsame Exportkontrollen oder Investitionsregeln tatsächlich werden und ob sie europäische Unternehmen – etwa ASML – in Konflikte mit chinesischen Märkten treiben, ohne dass Europa ausreichend Kompensation oder Mitbestimmung erhält.
Eine realistische Bewertung
Aus europäischer Expertensicht ist die Pax Silica weder Heilsversprechen noch Falle, sondern ein notwendiges Instrument in einer fragmentierten Weltwirtschaft. Die Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen und bestimmten Vorprodukten ist real und strategisch riskant; eine reine nationale oder rein europäische Autarkie ist weder technisch noch ökonomisch machbar. Die Teilnahme eröffnet Möglichkeiten, europäische Stärken – Lithografie, Materialien, Energie, Forschung – in eine breitere Allianz einzubringen und Investitionsströme zu lenken.
Entscheidend ist jedoch, wie Europa die Partnerschaft ausgestaltet. Die Pax Silica darf nicht zum Ersatz für eigene industrielle Anstrengungen werden. Sie muss flankiert werden von beschleunigten Investitionen in europäische Fertigungskapazitäten, von einer glaubwürdigen Rohstoffstrategie und von der gezielten Förderung europäischer KI- und Cloud-Champions. Gleichzeitig sollte die EU innerhalb des Formats auf klare Governance-Regeln, Transparenz und die Vermeidung einseitiger US-Dominanz drängen. Nur wenn Europa die Kooperation nutzt, um eigene Hebel zu stärken – statt sich mit dem Status eines vertrauenswürdigen Juniorpartners zufriedenzugeben –, kann die Pax Silica zu einem Beitrag europäischer Resilienz statt zu ihrer schleichenden Erosion werden.
Die neue Ordnung des Siliziums wird nicht in Brüssel allein geschrieben. Europa hat jedoch die Chance, an ihrer Gestaltung mitzuwirken – sofern es die eigene strategische Ambition nicht hinter dem bequemen Schirm amerikanischer Sicherheitsgarantien versteckt.
Text und Foto sind AI generiert (grok)






