1. Das Erbe der Zerrissenheit (Die historische Teilung)
Die Ukraine existierte über Jahrhunderte nicht als geeinter Nationalstaat, sondern war zwischen wechselnden Großmächten aufgeteilt:
• Der Westen (Galizien): War lange Zeit Teil des polnisch-litauischen Reiches und später der Habsburgermonarchie (Österreich-Ungarn). Dieser Teil ist kulturell, religiös (griechisch-katholisch) und politisch stark nach Mitteleuropa orientiert.
• Der Osten und Süden: Kamen ab dem 17. und 18. Jahrhundert unter die Herrschaft des Russischen Kaiserreiches. Dieser Teil wurde stark russifiziert, ist sprachlich oft enger mit dem Russischen verbunden und wirtschaftlich durch die sowjetische Schwerindustrie geprägt.
2. Der Streit um das historische Erbe (Die Kiewer Rus)
Sowohl die Ukraine als auch Russland beanspruchen die Kiewer Rus (ein mittelalterliches Großreich vom 9. bis 13. Jahrhundert) als ihre historische Wiege:
• Russische Perspektive: Betrachtet die Ukraine (historisch oft abwertend als „Kleinrussland“ bezeichnet) als integralen Teil einer „allrussischen Nation“ und Kiew als „Mutter der russischen Städte“.
• Ukrainische Perspektive: Sieht sich als eigenständige Nation, deren Kultur und Sprache sich unabhängig entwickelt haben und die von Moskau imperial vereinnahmt wurde.
3. Traumata des 20. Jahrhunderts
Die Ukraine erlebte im 20. Jahrhundert extreme Katastrophen, die das kollektive Gedächtnis und das Verhältnis zu Russland bis heute tief prägen:
• Der Holodomor (1932–1933): Eine von Josef Stalin bewusst herbeigeführte Hungersnot, der Millionen von Ukrainern zum Opfer fielen. In der Ukraine wird dies als Völkermord und gezielter Versuch gewertet, die ukrainische Identität zu vernichten.
• Zweiter Weltkrieg und Besatzung: Die Ukraine wurde komplett verwüstet. Teile der Bevölkerung kollaborierten zeitweise mit den Nationalsozialisten in der Hoffnung auf einen eigenen Staat, was von sowjetischer (und heute russischer) Propaganda bis heute instrumentalisiert wird, um den ukrainischen Nationalismus pauschal als „faschistisch“ zu diffamieren.
4. Das Dilemma nach 1991: Post-sowjetische Identitätssuche
Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde die Ukraine unabhängig, erbte jedoch die internen geopolitischen Bruchlinien:
• Die Schaukelpolitik: Über zwei Jahrzehnte versuchten ukrainische Regierungen, eine Balance zwischen Annäherung an die Europäische Union/NATO und der Beibehaltung enger Beziehungen zu Russland zu finden.
• Die Revolutionen (2004 und 2014): Die „Orange Revolution“ und die „Euromaidan“-Proteste zeigten den wachsenden Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung (insbesondere der jüngeren Generation), sich endgültig nach Westen zu orientieren und sich aus der Einflusssphäre Moskaus zu lösen.
Zusammenfassung
Das historische Problem der Ukraine ist der permanente Kampf um die Anerkennung ihrer Existenzberechtigung als eigenständige, souveräne Nation. Während die Ukraine versucht, sich als europäischer Nationalstaat zu definieren, verweigert die russische Staatsführung ihr diese Eigenständigkeit historisch und politisch – ein Konflikt, der im russischen Angriffskrieg gipfelte.
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