Die Säcke, die einst Kakaobohnen über Ozeane trugen, hängen jetzt wie Narbengewebe an Fassaden. Ibrahim Mahama, 1987 in Tamale geboren, hat aus diesen gebrauchten Jutesäcken eine eigene Grammatik gemacht: grob genäht, von Händen gezeichnet, die sie zuvor gefüllt, geleert und weiterverkauft haben. Seit Dezember 2025 steht er an der Spitze der Power-100-Liste des Magazins Art Review – der erste Künstler vom afrikanischen Kontinent in dieser Position. Das Ranking würdigt nicht nur die monumentalen Installationen, sondern auch die Infrastrukturen, die er in seiner Heimatstadt errichtet.
Die Säcke stammen aus Südostasien, gelangen nach Ghana für den Kakaoexport und wandern anschließend in die Hände lokaler Händler, die Reis, Mais oder Holzkohle darin transportieren. Mahama tauscht sie gegen neue ein, lässt sie von Teams zusammennähen und drapiert die entstandenen Bahnen über Gebäude – vom Arsenale in Venedig 2015 über den Barbican in London bis zur Kunsthalle Bern. Jeder Sack trägt Spuren: Stempel, Namen, Abrieb. Sie dokumentieren, warum Waren Grenzen leichter passieren als Menschen, und machen die unsichtbare Arbeit im globalen Kakaohandel physisch spürbar. In jüngeren Arbeiten treten ausrangierte Lokomotiven hinzu – britische und deutsche Maschinen, die Ghana einst über IMF-Kredite erwarb und die später stillgelegt wurden. In der Kunsthalle Wien lagert eine ausgehöhlte Diesellok auf Tausenden von Kopfschalen, jenen traditionellen Tragegefäßen, die in Ghana den Alltag der Lasten prägen. Die Materialien werden zu Archiven der Ausbeutung und der gescheiterten Entwicklungsversprechen.
Parallel dazu baut Mahama in Tamale. Einnahmen aus Galerieverkäufen fließen in das Red Clay Studio, das Savannah Centre for Contemporary Art und Nkrumah Volini. Dort finden Residencies, Schülerprojekte und Workshops statt. Die Geste ist konsequent: Wer über die Verteilung von Wert spricht, muss ihn auch umverteilen.
In aktuellen Ausstellungen verschiebt sich der Fokus auf die Bewahrung traditionellen Handwerks. In Venedig zeigt „A Shea Garden“ (2026) Gefäße aus dem Norden Ghanas – Terrakotta-Behälter für Getreide und Hühnerfutter –, die in Murano-Glas übersetzt wurden. Der Titel verweist auf den Sheabutterbaum der Savanne, dessen Nüsse seit Generationen von Frauen verarbeitet werden. In São Paulo hatte Mahama bereits im Rahmen der Biennale mit Materialien gearbeitet, die lokale und koloniale Geschichten kreuzen. Beide Orte verbinden die physische Spur vergangener Arbeit mit der Frage, wie handwerkliches Wissen überlebt, wenn globale Märkte es unsichtbar machen.
Mahama behandelt die Dinge nicht als Rohstoff, sondern als Zeugen. Die Nähte, die Risse, die wiederverwendeten Schwellen einer Eisenbahn – sie erzählen keine lineare Fortschrittsgeschichte, sondern eine der fortgesetzten Übertragung. Was bleibt, ist die Arbeit, die in den Materialien steckt, und die Institutionen, die daraus entstehen.
–
–
–
–
–
–
–
fakeJournal – SI gen Text & Images










