Werte geneigte Leserschaft des fakeJournal, neulich in der Smalltalkabendrunde bei Lanz im ZDF:

. . . Jan van Aken bezog sich damit auf den bekannten Berliner Projektentwickler und Bauunternehmer Christoph Gröner.Van Aken nutzte dieses Beispiel in der Debatte mit Martin Hikel (Bezirksbürgermeister, fast schon a.D. in Berlin-Neukölln), um zu beweisen, dass die private Bauwirtschaft durchaus bereit ist, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Er führte an, selbst mit diesem „großen Millionär“ (Gröner) gesprochen zu haben, und dass dieser ihm versichert habe, er würde in Berlin sofort bauen und auch einen signifikanten Anteil an Sozialwohnungen errichten – sofern der Senat ihm die entsprechenden Grundstücke zur Verfügung stellt und die Bürokratie abbaut.Damit wollte van Aken Hikels Argument entkräften, dass die Enteignungspläne der Linken alle privaten Investoren dauerhaft aus der Hauptstadt vertreiben würden.

 

Und unser Thema?

Es gibt keine nachweisbare Bekanntschaft zwischen Jan van Aken und Christoph Gröner. Das ist der Witz. Genau daraus lässt sich die Satire machen: zwei Männer, die sich ideologisch so nahestehen wie eine Enteignungsrede und ein Porsche-Keller.

 

Und der Content?

Bromance der Unvereinbaren

Oder: Wie man aus dem lautesten Nichts der deutschen Öffentlichkeit eine Männerfreundschaft spinnt

Es gibt Beziehungen, die die Nation im Schlaf umdrehen. Es gibt Beziehungen, die Aktenordner füllen. Und dann gibt es Jan van Aken und Christoph Gröner: zwei Männer, deren gemeinsame Schnittmenge so klein ist, dass man sie mit einem Elektronenmikroskop und einem guten Anwalt suchen müsste – und selbst dann fände man nur Staub, einen alten Parteibeschluss und irgendwo in Leipzig eine unbezahlte Handwerkerrechnung.

Trotzdem stellen wir uns die große Frage des Jahres, als wäre sie von einer Klatschredaktion und einem Verfassungsschutz gleichzeitig formuliert worden: Ist das eine lockere Bekanntschaft – oder schon eine Männerfreundschaft?

Die Antwort lautet: Es ist eine lockere Nichtbekanntschaft mit dem emotionalen Tiefgang einer Steuererklärung. Und genau das macht sie zur schönsten Männerfreundschaft, die Deutschland nie hatte.

I. Die beiden Helden, kurz vorgestellt, damit niemand behauptet, wir hätten uns die Figuren ausgedacht

Links der Bühne: Jan van Aken, promovierter Biologe, Ex-Greenpeace, Ex-UN-Biowaffeninspekteur, Ex-Co-Vorsitzender der Linken, Mann des Satzes, seine Kinder sollten hoffentlich noch erleben, dass es keine Milliardäre mehr gibt. Ein Mensch, der „Tax the rich“ nicht als T-Shirt-Spruch versteht, sondern als Lebensentwurf. Wohnungen gehören vergesellschaftet, Boden gehört nicht in Privateigentum, Milliardäre gehören abgeschafft, und wenn enteignet wird, dann bitte nicht nur für die Autobahn, sondern endlich auch für das Allgemeinwohl der Mietenden.

Rechts der Bühne: Christoph Gröner, Selfmade-Baulöwe aus Karlsruhe via Leipzig, Mann der Porsches, der Opernbälle, der Villen in Saint-Tropez und des unsterblichen Satzes, wenn man 215 Millionen aus dem Fenster wirft, kommen sie zur Tür wieder herein. Ein Unternehmer, der Gerhard Schröder und Ronald Pofalla ins Firmengeflecht holte, als Berater noch als Inneneinrichtung galten. Heute: Insolvenzverfahren, Durchsuchungen, der Verdacht auf Insolvenzverschleppung, Handwerker, die auf Geld warten, Baustellen, die stehen, und ein Mann, der weiterhin erklärt, er sei motiviert genug, auch ohne Schlaf auszukommen.

Der eine will keine Milliardäre. Der andere hat jahrelang geübt, einer zu sein, und übt jetzt das Gegenteil: das kontrollierte Entmilliardärisieren.

Wenn das keine Grundlage für tiefe männliche Intimität ist, weiß ich nicht, was Deutschland noch will.

II. Die Beweislage, also: gar keine

Man hat gesucht. Man hat gegoogelt. Man hat nach gemeinsamen Fotos, gemeinsamen Podien, gemeinsamen Charity-Abenden, gemeinsamen WhatsApp-Gruppen und gemeinsamen Saunagängen gefahndet. Ergebnis: nichts. Kein Handschlag, kein „Moin, Christoph“, kein „Jan, alter Freund, kommst du mal kurz rüber, ich muss dir was über prefab-Wohnungsbau und Klassenkampf erzählen“.

Das ist verdächtig.

In Deutschland kennt man sich. Spätestens auf dem zweiten Empfang kennt man sich. Der Baulöwe kennt den Ex-Kanzler, den Ex-Kanzleramtsminister, den Opernball, die Sparkasse und den Gerichtsvollzieher. Der Linken-Politiker kennt die Demo, den Bundestag, Greenpeace und das Grundgesetz, Artikel 14, gerne laut vorgelesen. Irgendwo zwischen Leipzig und Hamburg hätte die Natur eigentlich ein gemeinsames Canapé bereitstellen müssen.

Hat sie nicht.

Also bleibt nur die kühnste These der Gesellschaftskritik: Ihre Freundschaft ist so diskret, so proletarisch-kapitalistisch verschwiegen, so sehr Männerfreundschaft im klassischen Sinn, dass sie überhaupt nicht existiert. Das ist die höchste Form. Deutsche Männer zeigen Zuneigung, indem sie einander jahrzehntelang nicht anrufen und trotzdem behaupten, man könne jederzeit vorbeikommen.

Van Aken und Gröner haben das System perfektioniert. Sie kommen nie vorbei.

III. Die geheime Kompatibilität, die niemand bestellt hat

Satire braucht keine Faktenlage, sie braucht Struktur. Und strukturell gehören die beiden zusammen wie Schloss und Riegel, nur dass einer das Schloss enteignen und der andere das Riegelpatent noch schnell in eine Projektgesellschaft auslagern würde.

Beide sind Aufsteigererzählungen, nur mit unterschiedlichem Ende der Folie.

Van Aken: Arbeiterkind, Ministrant, Anti-AKW, Biologie, Weltverbesserung, Partei, Plenarsaal. Der klassische westdeutsche Linke, der irgendwann merkt, dass die Grünen seine Eltern nicht vorkamen, und deshalb zur Linken ging.

Gröner: Beamtenkind, Fahrräder vom Sperrmüll, Bauhelfer, Zementsäcke, erstes Haus mit zwanzig, Leipzig in den Neunzigern, Kredit, Grundstück, Kredit, Grundstück, Porsche, Ball, Beratervertrag, Krise.

Der eine trägt den Klassenkampf nach oben. Der andere hat den Klassenkampf nach oben mitgenommen und oben erst mal eine Tiefgarage gebaut.

Beide glauben an Bewegung. Van Aken an die der Straße. Gröner an die der Betonpumpe, solange sie noch bezahlt wird.

Beide haben ein Verhältnis zur Politik, das man höflich „interessiert“ nennt. Der eine macht sie. Der andere kauft sie stundenweise ein, wie man einen guten Steuerberater einkauft, nur prominenter.

Beide stehen derzeit leicht schräg im Bild: der eine aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an der Parteispitze, der andere aus insolvenzrechtlichen Gründen nicht mehr ganz so locker auf dem Opernball. Deutschland liebt Männer, die gerade etwas abgeben müssen. Das schafft Nähe. Theoretisch.

IV. Wie die Männerfreundschaft aussehen würde, falls sie existierte

Man stelle sie sich vor, diese Freundschaft, weil uns sonst der Abend gehört.

Freitags, 19 Uhr, irgendwo in einem Neutralitätsraum zwischen Hamburg und Leipzig. Van Aken bringt Kaffee aus fairem Handel und ein Flugblatt gegen Rüstungsexporte. Gröner bringt die Erkenntnis, dass Motivation den Schlaf ersetzt, und fragt, ob man das Karl-Liebknecht-Haus nicht als gemischt genutztes Quartier mit serviced apartments denken könnte.

Sie reden nicht über Gefühle. Deutsche Männerfreundschaft redet nie über Gefühle. Sie reden über Flächen.

Van Aken: Boden muss Gemeingut werden.
Gröner: Boden muss beleihbar bleiben.
Pause.
Beide nicken, als hätten sie dasselbe gesagt.

Irgendwann fragt Gröner, ob van Aken wirklich ein Reichenregister will. Van Aken sagt ja. Gröner überlegt kurz, ob sein Name dann in Fettdruck käme oder nur als Fußnote hinter „sonstige Projektgesellschaften“. Dann bestellen sie noch ein Bier, schweigen fünf Minuten und nennen das Vertrauen.

Sonntags gehen sie nicht zusammen in die Sauna. Das wäre zu offensichtlich. Sie denken nur gleichzeitig an die Sauna, an unterschiedlichen Orten, und das muss reichen.

Wenn einer von beiden in Schwierigkeiten ist – und einer von beiden ist immer in Schwierigkeiten, das ist quasi das Geschäftsmodell beider Lebensläufe –, schickt der andere keine SMS. Er äußert sich grundsätzlich. Van Aken grundsätzlich über Wohnungsnot. Gröner grundsätzlich über Motivationsdefizite der Gläubiger. Jeder hört darin die leise Zuwendung des anderen. Nur der andere nicht.

V. Diagnose

Eine lockere Bekanntschaft setzt voraus, dass man sich einmal begegnet ist. Dafür fehlt jeder Beleg.

Eine Männerfreundschaft setzt voraus, dass man sich nicht begegnen muss und trotzdem weiß, der andere ist da. Auch dafür fehlt jeder Beleg, aber der Mangel hat Stil.

Was bleibt, ist die reinste Form der deutschen Männerbeziehung des 21. Jahrhunderts: zwei öffentliche Existenzen, die einander als allegorisches Personal brauchen. Der Linke braucht den Baulöwen als Anschauungsobjekt, damit „keine Milliardäre mehr“ nicht abstrakt bleibt. Der Baulöwe braucht den Linken als atmosphärische Bedrohung, damit das eigene Imperium wenigstens noch ideologisch eingekreist wirkt, während die Staatsanwaltschaft schon ganz praktisch einkreist.

Sie sind füreinander da, ohne voneinander zu wissen. Das ist inniger als jeder Opernball.

Also: keine lockere Bekanntschaft. Auch keine Männerfreundschaft im engeren, bierseligen Sinn. Es ist etwas Größeres und Traurigeres: eine ideologische Zwangsehe auf Distanz. Deutschland hat sie nicht gebeten, sich zu mögen. Es hat sie nur gebeten, dass der eine Wohnungen verspricht und der andere sie sozialisiert, und dass irgendwann irgendwer die Rechnung bezahlt.

Bisher zahlt sie, wie so oft, der Handwerker.

Und irgendwo zwischen Reinbek und Karlsruhe sitzen zwei Männer, die sich nie getroffen haben, und halten das für völlig normal. In diesem Land ist das bereits fast Zuneigung.

 

 

 

 

Werte Leser des fakeJournal –
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