Ceuta ist spanisch, weil die Stadt seit dem 17. Jahrhundert ununterbrochen unter spanischer Herrschaft steht und historisch gesehen nie Teil des modernen marokkanischen Staates war.

 

Der geopolitische Konflikt zwischen Marokko und Algerien ist der entscheidende, im Hintergrund wirkende Motor der Migrationskrise in Ceuta. Beide Staaten befinden sich in einem jahrzehntelangen, unversöhnlichen „Kalten Krieg“ um die Vorherrschaft im Maghreb. Spanien sitzt dabei geografisch und diplomatisch genau zwischen den Stühlen.

Die tiefen geopolitischen Verflechtungen und strategischen Hebel umfassen folgende Dimensionen:

1. Der Kern des Konflikts: Die Westsahara-Frage

  • Marokkos Souveränitätsanspruch: Marokko beansprucht die ehemalige spanische Kolonie Westsahara völkerrechtlich für sich. Für das Königshaus in Rabat ist diese Frage die absolute „rote Linie“ und der Dreh- und Angelpunkt seiner gesamten Außenpolitik.
  • Algeriens Unterstützung für die Polisario: Algerien wiederum unterstützt, finanziert und beherbergt die Front Polisario – jene Befreiungsbewegung, die bewaffnet für die Unabhängigkeit der Westsahara kämpft. Algier nutzt diesen Konflikt gezielt, um den regionalen Rivalen Marokko strategisch zu schwächen und einzudämmen.

2. Spaniens diplomatischer Eiertanz und die aktuelle Algerien-Reise

  • Der Auslöser der aktuellen Krise: Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez unternahm kurz vor dem Massenansturm in Ceuta eine offizielle Staatsreise nach Algier. Es war der erste Besuch dieser Art seit vier Jahren und markierte eine deutliche Annäherung an Algerien. Spanien benötigt Algerien dringend als verlässlichen Gaslieferanten und zur Sicherung der Migrationsroute in Richtung der Balearen.
  • Marokkos prompte Reaktion: Für Rabat kam diese Annäherung an den Erzfeind einem diplomatischen Affront gleich. Experten für Migrationsforschung wie Gerald Knaus weisen darauf hin, dass Marokko in solchen Momenten seine Grenzkontrollen um Ceuta und Melilla strategisch lockert. Die Botschaft an Madrid lautet: „Wenn ihr mit Algerien kooperiert, stellen wir die Bewachung eurer Außengrenzen ein.“

3. Das historische Muster: Die Krise von 2021 wiederholt sich

  • Das exakt gleiche Muster zeigte sich bereits im Mai 2021. Damals ließ Spanien den Chef der Polisario-Front, Brahim Ghali, unter falschem Namen in einem spanischen Krankenhaus wegen einer Covid-Erkrankung behandeln. Marokko reagierte binnen Stunden, öffnete die Grenzzäune zu Ceuta und ließ über 8.000 Migranten ungehindert passieren, um Madrid massiv unter Druck zu setzen.

4. Migration als geopolitische Waffe („Migration Leverage“)

  • Asymmetrische Erpressbarkeit: Marokko hat gelernt, dass die Europäische Union und insbesondere Spanien extrem sensibel auf Bilder von Massenmigration reagieren. Die Grenzsicherung der Exklaven Ceuta und Melilla funktioniert nur, wenn die marokkanische Polizei auf ihrer Seite der Zäune aktiv mitwirkt.
  • Der doppelte Hebel: Marokko nutzt diesen Hebel, um von Europa nicht nur Milliarden an Finanzhilfen für den Grenzschutz zu erpressen, sondern vor allem, um politische Zugeständnisse in der Westsahara-Frage zu erzwingen. Wer Spaniens Grenze kontrolliert, kontrolliert im Maghreb-Konflikt auch Spaniens Außenpolitik.